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Verhältnis zur wiedergefunden Heimat

Die aus dem Exil zurückgekehrten saarländischen Familien, die von Geburt an hier verwurzelt waren, lebten sich relativ schnell wieder ein. Die Tatsache, dass das Land, in welches sie zurückkamen, nun unter französischer Militärverwaltung stand und nicht zu Deutschland gehörte, hatte für viele sicherlich die Entscheidung zur Rückkehr erleichtert. Die französische Regierung de Gaulles hatte ab 30.08.1945 Gilbert Grandval als Militärgouverneur für das Saarland eingesetzt. Grandval, dessen Geburtsname Hirsch lautete, entstammte einer elsässisch-jüdischen Familie. Grandval war sein Deckname, den er in der Résistance, im französischen Widerstand, angenommen hatte und nun auch nach dem Krieg beibehielt. Er wurde ab 10.01.1948 zum Hohen Kommissar und ab 25.01.1952 zum Französischen Botschafter an der Saar befördert.

Bemerkenswert ist, dass hauptsächlich Saarländer zurückkehrten, die in Frankreich überlebt hatten, d.h. solche, die sich ohnehin nicht allzu weit von der Heimat weggewagt hatten und auf eine baldige Rückkehr gehofft hatten. Wer in die USA oder nach Südamerika emigriert war, blieb meist dort; gleiches gilt für Palästina, von wo nur zwei Mitglieder der Vorkriegsgemeinde, Ludwig Lipsker und Leo Goldstein, nach Saarbrücken zurückkehrten.

Die Rückkehr der emigrierten ins „Land der Täter“ war außer durch starke emotionale Verwurzelung mit ihrer Heimat und der deutschen Kultur auch durch ganz pragmatische Gründe motiviert: Es war hier für viele Berufe, für deren Ausübung die Sprache wichtig ist (z.B. Notare und Juristen), einfach leichter, wieder Fuß zu fassen. Auch konnten vor Ort die Wiedergutmachungsverfahren, um wenigstens einen Teil des verlorenen Vermögens zurück zu erhalten, besser betrieben werden als aus dem Ausland.

Einige andere frühere Saarländer suchten zwar nach dem Krieg die Nähe zur alten Heimat, konnten sich jedoch nicht überwinden, den Schritt über die Grenze zu tun, um sich im Lande ihrer Verfolger niederzulassen. Sie wählten einen Kompromiss und siedelten sich in den benachbarten französischen Städten Forbach und Saargemünd bzw. in Metz und Straßburg an, wo es auch jüdische Gemeinden gab. Die Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Rückkehr ins Saarland gingen oft durch Familien: Während ein Teil sich in Saarbrücken ansiedelte zogen es Geschwister vor, sich jenseits der Grenze, in Frankreich niederzulassen.

Viele unter denjenigen, die wieder ins Saarland zurückgekommen waren, behielten lange ein gespaltenes Verhältnis gegenüber ihrer nicht-jüdischen Umwelt. Einerseits waren sie froh, Muttersprache und Heimatland wiedergefunden zu haben, andererseits konnten auch sie nicht vergessen, dass die Heimat und ihre Bewohner sich ihnen gegenüber grausam und gemein verhalten hatten. Mehrere Jahre über wurden nichtjüdische Deutsche Männer über 30 oft argwöhnisch betrachtet. Man fragte sich insgeheim, was sie wohl in der NS-Zeit getan haben mochten. Vielleicht waren sie Parteimitglied? SS-Mitglied?

Außer Ludwig Lipsker, Leo Goldstein und Lieselotte Kahn geb. Wronker waren die wenigsten unter den Gründungsmitgliedern ehemalige Saarbrücker: Senatspräsident Alfred Levy stammte aus Saarlouis, Louis Salomon aus Hilbringen bei Merzig seine Frau Ruth geb. Cahn und ihre Eltern Max und Claire kamen aus Hüttersdorf, Herbert Marx lebte vor dem Krieg in Saarlouis-Roden, Herbert Levy und RA Charles Levy sowie (Ger)Trude Mayer geb. Schwarz stammten aus Illingen, ihr Mann Julius Mayer und sein älterer Bruder Arthur waren gebürtige Spieser, RA Dr. Walter Sender kam aus Tholey, Dr. Ernst Blum aus Wellesweiler.

Sie entschieden sich für eine Wohnsitznahme in Saarbrücken statt einer Rückkehr in ihre ländlichen Heimatorte. Einerseits, weil in Saarbrücken nun die einzige jüdische Gemeinde bestand, sicher aber auch, weil die größere Stadt bessere Voraussetzungen für die Berufsausübung bot und nicht zuletzt, weil sie hier für sich und ihre Familien die nötige Anonymität vorfanden, die einen Neuanfang erleichterte.

Vornehmlich ostjüdische Familienväter belogen sich längere Zeit selbst, indem sie vorgaben, sie säßen eigentlich auf gepackten Koffern, jederzeit zur Auswanderung nach Israel bereit. Die Elterngeneration schämte sich ihren Kindern gegenüber, im „Land der Täter“ zu leben, schaffte es aber nur in den wenigsten Fällen in reifem Alter, noch einmal alles aufzugeben, um ein neues Leben in der Fremde zu beginnen.
Einige wenige Rückkehrer unter den saarländischen Juden verließen dennoch Saarbrücken nach einigen Jahren: Herbert Levy ging nach Metz, RA Charles Levy verzog nach der Pensionierung ebenfalls nach Frankreich und RA Armand Levy verlebte seine Rentnerjahre in Vevey am Genfer See.

Die für ganz Deutschland jährlich zentral organisierte Verschickung der jüdischen Kinder und Jugendlichen in Winter- und Sommerferienlager wurde über mehrere Jahre, bevor dies die Zentralwohlfahrtsstelle übernahm, von der ZJD, der Zionistischen Jugend in Deutschland, wahrgenommen. Bei diesen Gelegenheiten wurden die Jugendlichen mit dem zionistischen Ideal bekannt gemacht. Dies und die bereits geschilderte zwiespältige Atmosphäre in manchen Elternhäusern führten dazu, dass mehrere Kinder der Gemeinde nach ihrem Schulabschluss bzw. nach beendetem Studium das Saarland verließen und nach Israel auswanderten.

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