• image
  • image
  • image
  • image
  • image
  • image
  • image

NS-Zeit und Auflösung

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 im Deutschen Reich waren, angefangen mit dem Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933, nacheinander zahlreiche diskriminierende Gesetze verabschiedet worden, die es neben der Schikanierungen im Alltag Juden zunehmend schwerer machen sollten, ihre wirtschaftliche Existenz aufrecht zu erhalten. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Ausgrenzung waren die erwünschte Folge.

Das im „Reich“ erlassene "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933 vertrieb 5000 jüdische Beamte aus ihrer Stellung, darunter über 1000 Künstler, die an öffentlichen Bühnen des Reichs tätig waren. Die NS-Wirtschaftsbehörden auf lokaler bzw. Gau-Ebene setzten alles daran, jüdische Einzelhändler zur Aufgabe und Veräußerung ihrer Geschäfte zu zwingen. Da über 60 Prozent der jüdischen Erwerbstätigen im Warenhandel beschäftigt waren, hatte diese Maßnahme fatale Folgen für die wirtschaftliche Existenz der jüdischen Bevölkerung. Bis Mitte 1935 hatten die NS-Behörden damit bei einem Viertel der jüdischen Einzelhändler Erfolg; bis Mitte 1938 waren es 70 Prozent.

Ähnliches galt für Ärzte und Rechtsanwälte mit ihren Praxen. In den betreffenden Berufsverbänden wurde 1933 der "Arierparagraph" eingeführt, der "nichtarische" Mitglieder ausschloss. Ab Januar 1935 erhielten "nichtarische" Ärzte keine Approbation mehr, "nichtarische" Studenten wurden von den Prüfungen ausgeschlossen. Das Reichsschriftleitergesetz vom Oktober 1935 verbot Juden, sich als Redakteure von politischen Zeitungen zu betätigen. Aus der Reichskulturkammer, die alle kulturellen Bereiche bestimmte, waren alle Juden bis zum Februar 1935 ausgeschlossen worden. Für die meisten Jüdinnen und Juden bedeuteten die NS-Gesetze zu dieser Zeit also existenzbedrohende Berufsverbote.

Die Nürnberger Gesetze, die auf dem dortigen Parteitag der NSDAP am 15. September 1935 verkündet wurden, sollten das Verhältnis zwischen "Nichtariern" und "Volksgenossen" regeln. Sie bestanden aus mehreren Einzelgesetzen, u.a. dem "Reichsbürgergesetz", das Juden die Gleichberechtigung nahm und entscheidend in die ökonomische und soziale Lebensgestaltung eingriff. Ab 1935 verbieten lokale Anordnungen Juden den Zutritt zu Kinos, Schwimmbädern, Parkanlagen, Kurorten und Gaststätten.

Von den Nürnberger Gesetzen abgesehen, gab es kein einheitliches "Anti-Juden-Gesetz", dafür aber circa 2000 Erlasse, die den diversen Schikanen lokaler NS-Machthaber viel Raum ließen.

Auch wenn das Saarland und seine Bürger, weil noch nicht zum Deutschen Reich gehörig, vorerst von der NS-Gesetzgebung und ihren Folgen verschont blieben, die Information über das, was im „Reich“ vorging, wurde hier sehr aufmerksam verfolgt und politisch wache Geister konnten sich die Zukunft leicht ausmalen.

Ein für die Geschichte der Juden an der Saar äußerst wichtiger Umstand war die Sonderstellung, die das Saarland für kurze Zeit durch das „Römische Abkommen“ erlangte. Nach der Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg war das Saargebiet gemäß der Artikel 45 bis 50 des Versailler Vertrags unter die Regierung des Völkerbundes gekommen. 1920 wurde es mit einem Mandat des Völkerbundes für 15 Jahre unter französische Verwaltung gestellt. 1935 sollte laut diesem Vertrag eine Volksabstimmung über den künftigen Status entscheiden.

Vor der Rückgliederung des Saargebiets an das Deutsche Reich im Jahre 1935 war auf Veranlassung und Druck internationaler jüdischer Organisationen vom Völkerbund in Genf mit der deutschen Reichsregierung, nur sechs Wochen vor dem Abstimmungstermin im Saargebiet, das „Römischen Abkommen“ am 3. Dezember 1934 unterzeichnet worden. An seinem Zustandekommen waren unter anderen Nahum Goldmann und der damalige Saarbrücker Rabbiner Dr. Rülf maßgeblich beteiligt gewesen. In dem Abkommen war für die Saarländer eine einjährige Schutzfrist festgelegt worden, innerhalb derer sie ungehindert auswandern konnten. Von diesen Vergünstigungen konnte etwa die Hälfte der saarländischen Juden profitieren. Sie wanderten vor allem nach Frankreich, in die Benelux-Staaten sowie nach Palästina und in die USA aus. Am 1.4.1936 endete diese Schutzfrist.

Die nationalsozialistische Praxis und ihre Hetzpropaganda im Reich führten dazu, dass das Saargebiet mit seiner Sonderstellung zum Zufluchtsort vieler im Deutschen Reich Verfolgter wurde. Jeden Tag kamen neue Flüchtlinge zur Saarbrücker Synagogengemeinde und die Durchwandererführsorge brachte größte soziale und finanzielle Belastungen für die Gemeinde.

Bei der Volksabstimmung am 13. Januar 1935 stimmten 90,73 % der saarländischen Wähler für den Anschluss an das nationalsozialistische Reich, 8,86 % für den Status quo und nur 0,4 % der Wähler für eine Vereinigung des Saargebietes mit Frankreich. Am 1. März 1935 fuhr Adolf Hitler umjubelt in Saarbrücken ein und von nun an hatten die Nationalsozialisten das Sagen im Saarland.

Nach dem überwältigenden Wahlergebnis vom 13. Januar, flohen viele Hitlergegner und wegen ihrer politischen Tätigkeit von Verfolgung Bedrohte teilweise noch in der gleichen Nacht aus dem Saargebiet; auch der massive Wegzug der jüdischen Bevölkerung aus dem Saarland setzte nun ein. Damit ging die Schließung und Veräußerung von Firmen in jüdischem Besitz einher; allein in Saarbrücken waren 1934/35 fast 70 Unternehmen jüdischer Besitzer verkauft worden und, auf das gesamte Saarland bezogen, war z.B. ein Drittel des Großhandels abgewandert.

Die Meisten saarländischen Juden emigrierten nach Frankreich, wo viele - bittere Ironie des Schicksals - bald auch unter falschem Namen mit falschen Papieren in Verstecken und in Internierungslagern leben mussten. Manche wurden aktive Mitglieder der Résistance oder dienten in der französischen Armee. Leider wurden im Besetzten Teil Frankreichs noch viele Flüchtlinge von der Gestapo gefasst oder von Kollaborateuren verraten und umgebracht.

Die jüdische Volksschule 1934-39

Da sich in Saarbrücken als Folge der Nazi-Propaganda die Übergriffe nichtjüdischer Kinder auf ihre jüdischen Mitschüler an öffentlichen Schulen mehrten, verlangte eine Gemeindeversammlung der Saarbrücker Synagogengemeinde 1933 die Gründung einer privaten jüdischen Volksschule. Der damalige Gemeinderabbiner, Dr. Friedrich Rülf, setzte sich für die Umsetzung des Beschlusses stark ein. Die Jüdische Volksschule wurde gegründet und bestand, vierklassig, vom Schuljahr 1934/35 an bis 1939. Rabbiner Rülf, Oberkantor Loewy und Kantor Siegmund Friedemann waren drei der Lehrkräfte, die die anfänglich 200 Kinder unterrichteten. Die Schule wechselte in den folgenden Jahren mehrmals die Anschrift, da die Zahl der Kinder allmählich wegen der Auswanderung abnahm und bald kleinere Räumlichkeiten ausreichten. Im September 1939 wurde der Unterricht eingestellt.

Von 1938 bis zur Schließung der Gemeinde

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden im Saarland wie anderswo die Synagogen entweiht, geplündert, zerstört und in Brand gesteckt. Die Feuerwehren, die dafür sorgen sollten, dass das Feuer nicht auf benachbarte „arische“ Häuser übergreifen sollte, sahen tatenlos zu.

Auch die Saarbrücker Synagoge wurde niedergebrannt und das angrenzende Gemeindehaus geplündert. Etwa 130 bis 150 jüdische Männer wurden mitten in der Nacht aus ihren Wohnungen getrieben und mussten sich - meist nur mit ihrem Schlafanzug bekleidet - zu einem Zug formieren, der sie unter allerlei Erniedrigungen und Misshandlungen durch Mitglieder der SS durch die Straßen der Stadt zur brennenden Synagoge führte. Am 19. November 1938 erging ein Erlass des damaligen Polizeipräsidenten, den Wiederaufbau der Synagoge bis auf weiteres nicht zuzulassen. Am 13. Dezember 1938 wurde der Abbruch der Ruine verfügt, der 1939 erfolgte.

1938 wurden der Gemeinde die Rechte einer Körperschaft des Öffentlichen Rechts aberkannt; sie wurde fortan als Verein geführt.

Bei der Volkszählung am 17.5.1939 lebten im Saarland nur noch 479 Juden, davon 177 in Saarbrücken; sie waren meist mittellos oder zu alt, um auswandern zu können. Fast 90% aller Juden an der Saar waren inzwischen emigriert.

Das gewaltige Schrumpfen der Mitgliederzahl führte dazu, dass der Vorstand der Synagogengemeinde nicht mehr dem Gemeindestatut entsprechend besetzt werden konnte; daher wurden die Gemeindegeschäfte ab dem Frühjahr 1936 kommissarisch durch den Saarbrücker Rechtsanwalt Oskar Schloß wahrgenommen.

Am 22. Oktober 1940 wurden die zu diesem Zeitpunkt noch im Saarland verbliebenen Juden zusammen mit Juden aus der Pfalz und aus Baden nach Gurs in Südfrankreich deportiert, von wo aus die meisten in Vernichtungslagern wie Auschwitz und Theresienstadt weitertransportiert wurden, in denen sie ermordet wurden.

Damit fanden das jüdische Leben und die jüdische Kultur, die liturgische wie die weltliche, im Saarland wie überall im Deutschen Reich, zunächst ein abruptes Ende.