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Ansprache von Herrn Prof. Dr. Rixecker anlässlich der Gedenkstude zur Erinnerung an die Reichspogromnacht am 10.11.2019 in der Synagoge Saarbrücken

I. Einleitung
Vor einem Monat las ich in einer Berliner Zeitung den Beitrag einer Journalistin über ihren Besuch eines jüdischen Kindergartens. Als sie eintraf, spielten die zwei- bis sechsjährigen Mädchen und Jungen gerade „Katz und Maus“. Ihre Aufgabe war es, sich so gut wie irgend möglich im Kindergarten zu verstecken. „Schönes Spiel“, lächelte die Journalistin den eifrigen Kindern zu. Da antwortete die Kindergärtnerin ganz ernst: „Das ist kein Spiel. Das ist eine Übung.“ Es war der Tag nach Halle.
Ist in Deutschland die Zeit gekommen – für jüdische Bürgerinnen und Bürger, vielleicht auch für uns – wieder zu üben, zu lernen uns zu verstecken, uns vor den Schergen der Unmenschlichkeit zu verbergen?


II. Reichspogromnacht
Der 09.11.1938 war im Saarland ein milder Spätherbsttag, zu warm für den November, bedeckt, zuweilen neblig und trüb. Im Laufe des Tages wurde es wärmer und heller, es war eine helllichte Dunkelheit, es leuchtete in den Gemeinden des Saarlandes lichterloh. 14 saarländische Synagogen wurden verwüstet und in Brand gesetzt, in Saarbrücken wie in Ottweiler, in Illingen wie in Saarlouis, in Merzig wie im St. Wendeler Land. Heilige Schriften wurden zerfleddert und verbrannten auf den Straßen. Die Scheiben jüdischer Geschäfte wurden eingeschlagen. Die Wohnungen jüdischer Bürgerinnen und Bürger wurden aufgebrochen, sie selbst geschlagen, misshandelt und verhöhnt, bevor sie in Haft genommen und deportiert wurden. Manche wurden nackt durch die Orte getrieben. Polizei und Feuerwehr standen bereit und schauten zu. Ein Krankenhaus verweigerte die Aufnahme von Verletzten. Nachbarn, manche, wandten sich voller Scham ab, manche schlossen sich in ihren Wohnungen ein.
Viele aber genossen das Schauspiel, hetzten mit Rufen, stachelten ihre Kinder an, Steine auf jüdische Geschäfte zu werfen, viele ließen ihrer Häme und Habgier freien Lauf und plünderten.
Eine ältere Jüdin schrie in Dillingen aus dem Fenster ihres Wohnzimmers: „Seid Ihr noch Menschen?“. Seid Ihr noch Menschen? Wer waren die, denen sie zurief, seid ihr noch Menschen?

Das waren die Nazis, sagten Zeugen später in den wenigen Prozessen aus, die nach 1945 geführt wurden und häufig mit Freisprüchen endeten. Die Nazis? Dort wo die Synagogen brannten und die jüdischen Menschen getreten und niedergeknüppelt wurden, waren es nicht Hitler und Himmler, nicht Goebbels und Heydrich, die das taten. Es waren eine Million Mitglieder der SA und zigtausende Mitglieder von SS und Gestapo. Und es war die Mitte der deutschen, der saarländischen Gesellschaft, die zuschaute, zuweilen unangenehm berührt, häufig hämisch, häufig mit Applaus. Der guten Ordnung halber, und das ist mir wichtig: Es geht nicht um ein hochfahrendes und anmaßendes Sich- an-die-Brust-Klopfen im Duktus: Wir sind die Guten, oder wenigsten, wir haben gelernt, und die, die sich schuldig gemacht haben, sind in die glorreiche deutsche Geschichte eingebrochen aber doch wieder verschwunden. Wer von uns nichtjüdischen Deutschen wäre so selbstherrlich zu behaupten, wir hätten die Feuer gelöscht, wir hätten die Geschändeten gerettet? Alle Heutigen dürfen hoffen, so mutig gewesen zu sein. Aber naturgemäß ist es viel einfacher, ein entsetzliches Geschehen entsetzlich zu nennen, als ein entsetzliches Geschehen zu verhindern oder ihm zu widerstehen.
Erinnern, so hat es Richard von Weizsäcker einmal formuliert, verlange Wahrhaftigkeit. Und zur Wahrhaftigkeit gehört, wie wir forschungsgesichert wissen, dass es nicht „die Nazis“ auf der einen und „die Deutschen“ auf der anderen Seite gab, sondern eine, wie sie es damals nannten, „Volksgemeinschaft“, die das, was am 09. 11.1938 geschah, vielfach im Wesentlichen für richtig hielt.
Daher gilt der Satz von Nelly Sachs, einer der großen jüdischen Lyrikerinnen Deutschlands, allen: „Ihr Zuschauer, unter deren Blicken getötet wurde, - denkt daran – so wie man auch einen Blick im Rücken fühlt, so werdet ihr einmal an Eurem Leibe die Blicke der Toten fühlen“.

Heute gedenken wir des 09. 11.2019, des ersten Höhepunkts der Barbarei in Deutschland, eines furchtbaren Meilensteins zur Shoa. Die Tage waren eine Art zentral geplanter und überall in Deutschland, überall erfolgreich durchgeführter Probelauf. Die Führung der NSDAP wollte testen, wie das Volk reagiert, wenn die Synagogen brennen und die jüdischen Geschäfte geplündert werden. Das Volk blieb still. Viele haben sich bereichert. Manche, wenige, haben sich beschämt abgewandt und geschwiegen. Aber es ist still geblieben. Das deutsche Volk hat den Test „bestanden“. Der nächste Schritt folgte nur wenig später: Die Planung und Durchführung der industriellen Vernichtung von Abermillionen Menschen. Auch dazu schwieg das Volk.

Die moralische Vernichtung Deutschlands selbst fand aber schon im November 1938 statt und setzte sich nur noch intensiver in den nächsten Jahren fort. Es war zugleich eine kulturelle, eine zivilisatorische Selbstverstümmelung. Denn das jüdische Leben prägte das deutsche, das Judentum ist auch ein Teil Deutschlands gewesen und ist es glücklicherweise wieder.
Die jüdische Zivilisation, das jüdische Wissen, die jüdische Kultur waren immer Teil der deutschen geschichtlichen Entwicklung. Wer kann Deutschland denken ohne Adorno und Wittgenstein, ohne Tucholsky und Seghers, ohne Mendelsohn-Bartholdy, Liebermann und Hindemith, ohne Einstein und Meitner, ohne, auf den Seiten der Politik, Erzberger und Rathenau? Die Zahl der an jüdisch-deutsche Wissenschaftler verliehenen Nobelpreise in der Weimarer Republik – mehr als zehn – zeigt die Bedeutung der von jüdischen Deutschen geprägten Wissenschaft in Deutschland.

III. Erinnern
Wenn wir uns erinnern, blättern wir nicht die Fotoalben des vergangenen Jahrhunderts mit schauderndem Blick aus historischer Wissbegier durch.
Die jüdisch-deutsche Historikerin Hannah Arendt hat in ihrer berühmten Lessingrede ausgeführt, die Redensart, man müsse erst einmal die Vergangenheit bewältigen, sei unsinnig. Keine Vergangenheit könne man bewältigen, diese schon gar nicht. Das Höchste, was man erreichen könne, sei zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist, und dann zu sehen, was sich daraus ergibt.“

Mir liegt daher daran, den Sinn des Gedenkens zu nennen, gerade wegen des Unverständnisses Mancher in Deutschland, auch mancher jungen Menschen, die das Gedenken an die Shoa und auch jenes an die Reichspogromnacht, im besten Fall als lästig betrachten, im Schlimmsten verbieten wollen, die, wie Teile einer bestimmten Fraktion des Deutschen Bundestages den von ihnen erfundenen angeblichen Schuldkult für beendet erklären. Das ist eine neue Art der Bücherverbrennung und eine intellektuelle Bankrotterklärung.

Gedenken und Erinnern sind keine historische Disziplin, sondern Voraussetzung der Zukunftsgestaltung. Der 30.01.1933, die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, war kein Blitz aus heiterem Himmel, der 15.09.1935, das Inkrafttreten der Reichsbürgergesetze, mit denen jüdische Menschen entrechtet und entwürdigt, zu Menschen zweiter oder gar keiner Klasse mehr wurden, war kein Blitz aus heiterem Himmel. Der 09.11.1938 war kein Blitz aus heiterem Himmel.

Sie alle waren Schritte eines Prozesses, auch einer medialen Brandlegung, einer Anstiftung zur Hetzjagd, zum Mob, zur Plünderung und zum Mord. Es waren alles Stationen auf dem mit qualvoller Grausamkeit schleichend zurückgelegten Weg der Entmenschlichung Deutschlands – und nicht etwa eines abstrakten „Deutschen Reichs“, „abstrakter Nazis“, sondern der Entmenschlichung von großen Teilen der „Volksgemeinschaft“. Die Verführbarkeit von Berufen, Juristen, Medizinern, Lehrern, Theologen, Journalisten, Verwaltungsbeamten und Soldaten, die Verführbarkeit einer ganz großen Zahl von Deutschen, bewies sich nicht an einem einzigen Tag. Sie begann langsam und sie begann mit Sprache. „Die Juden sind unser Unglück“. „Juda verrecke“. „Juden raus“. „Kauft nicht bei Juden“. Das las man damals. Und diese entgleiste Sprache bereitete den Boden für entgleiste Handlungen, für ein Menschheitsverbrechen.

Genau diese Entgleisung von Sprache finden wir wieder in den Medien der Jetztzeit, in der Anonymität der Netzwerke. Genau diese Entgleisungen finden wir, wenn jüdische Bürgerinnen und Bürger gejagt werden, bespuckt werden, sie ausgegrenzt werden in Schulklassen, ihnen die Kippa vom Kopf geschlagen wird, wenn Menschen mit Messern bewaffnet in die Schutzzonen vor Synagogen eindringen. Hass ist keine Meinung. Anonyme Poster sind keine Grundrechtsträger. Sie legen die Lunten, die dann, wie in Halle, auch gezündet werden.

Wir erinnern uns also um zu vergleichen und zu erkennen, wann es wieder beginnen könnte oder zu beginnen beginnt. Damit wir die Wachen aufziehen und den Brandstiftern entgegentreten können. Erinnerung an die Vergangenheit ist ein Zukunftsprojekt.

Vereinfacht gesagt: Hätten am 09.11.November 1938 die Menschen nicht zugeschaut, hätten nicht Einzelne, hätten alle oder auch nur viele erkannt, dass das, was sie tun, nicht nur Unrecht, dass es widerwärtig und böse ist, hätte das nichts bewirkt?

IV. Antisemitismus
In diesen Tagen hat ein angesehenes deutsches Consultingunternehmen im Auftrag des Jüdischen Weltkongresses eine Studie vorgelegt – die vor dem Anschlag in Halle durchgeführt wurde. Nach ihr hat ¼ aller Deutschen eine antisemitische Grundeinstellung, im Klartext: einen Hass auf Juden. Ein Fünftel der sogenannten Eliten Deutschlands meint, Juden hätten zu viel Macht in der Wirtschaft. 12 % aller Befragten geben an, Juden seien für die meisten Kriege in der Welt verantwortlich.
Ist das wirklich eine Neuigkeit, die uns unvorbereitet getroffen hat? Seit Jahrzehnten wissen wir aus empirischen Langzeitstudien der Leipziger Universität, dass mindestens 20% aller Deutschen über die Zeit hinweg latent und 10 % manifest antisemitische Einstellungen pflegten.

Der Antisemitismus ist seit langem mitten unter uns. Deutschland hat aber, so hat es kürzlich Ralph S. Lauder, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses formuliert, sechs Millionen Gründe, dieser Entwicklung gegenüber besonders sensibel zu sein und dem nicht nur durch Reden wie in den letzten Wochen und durch Reden wie heute entgegenzutreten, sondern zu handeln. Was tut Ihr dagegen, fragt er?

Wo die Würde von Menschen verletzt wird, muss das geahndet werden. Wo Menschen verletzt werden, müssen den Verletzer Sanktionen treffen. Wo jüdische Menschen diskriminiert und verfolgt werden, genügt es nicht zu bedauern und zu klagen. Und wo vermeintlich aufgeklärte, vermeintlich abgewogene Menschen verkennen, dass die Staatlichkeit Israels und der Schutz seiner Unabhängigkeit und Freiheit zur Staatsraison der Bundesrepublik gehört genügt es nicht Resolutionen, so wichtig sie sind, zu fassen. Auch von Seiten der Rechtsprechung als hinzunehmen deklarierte Parolen wie „Israel ist unser Unglück“, „nie nie wieder Israel“, oder die Aufforderung zum Boykott israelischer Unternehmen stehen im Widerspruch zur Staatsraison der Bundesrepublik. Die Sicherheitsbehörden müssen – und im Saarland sind sie es glücklicherweise – sensibel sein für antisemitische Bedrohungen und Verletzungen und die Justiz muss zweifelfrei die Meinungsfreiheit schützen, aber auch ihre Grenzen achten. Das ist auch ein Appell, der von dem heutigen Tag ausgehen kann.

V. Verfassung
Das Bundesverfassungsgericht hat es einmal prägend formuliert: „Das menschenverachtende Regime dieser Zeit, das über Europa und die Welt in unermesslichem Ausmaß Leid, Tod und Unterdrückung gebracht hat, hat für die verfassungsrechtliche Ordnung der Bundesrepublik Deutschland eine gegenbildlich identitätsprägende Bedeutung, die einzigartig ist und allein auf der Grundlage allgemeiner gesetzlicher Bestimmungen nicht eingefangen werden kann. Das bewusste Absetzen von der Unrechtsherrschaft des Nationalsozialismus war historisch zentrales Anliegen aller an der Entstehung wie Inkraftsetzung des Grundgesetzes beteiligten Kräfte.“ Und das gilt weiterhin.
Die Arbeit des Gedenkens, die Arbeit der Vorkehrung vor einer Wiederholung, der Widerstand gegen Entwicklungen ähnlicher oder auch nur in das Vorbereitungsstadium gelangender Unternehmungen, ist also keine austauschbare Politik, sie ist eine verfassungsrechtliche Forderung.

Was ist die Botschaft der Reichspogromnacht: Wir müssen nachdenken über Zivilisation und Kultur, über Barbarei und Bestialität und über den schmalen Grat, der zwischen beidem liegen kann. Wir müssen nachdenken über Gefahren und Gefahrenabwehr. Beim Nachdenken darf es aber nicht bleiben. Wer von uns kann erklären und versprechen, was er dazu leisten will?

Ein Vorschlag: Lassen Sie uns nicht üben, uns zu verstecken. Lassen Sie uns üben, uns zu zeigen. Klar und bestimmt. Mutig und stark. Gemeinsam, jüdische Deutsche und nichtjüdische Deutsche. Mit Respekt zwar auch vor denen, die uns jenseits der Grenzen von Recht und Anstand zu stehen scheinen aber auch den Respekt von ihnen einfordernd, jedoch auch der ungebrochenen Entschiedenheit zu erklären, dass sie jenseits dieser Grenzen stehen und ein freie und zivile Gesellschaft dies nicht dulden kann. Lassen Sie uns denen, die ihre Niedertracht hinter Masken verbergen, ihre Verstecke nehmen. Lassen Sie uns unbeugsam und öffentlich von jenen distanzieren, die sich als heutige Nachfolger der Nationalsozialisten als Märtyrer gerieren, obwohl sie in Wirklichkeit Täter sind.

Lassen Sie uns zeigen, dass wir – je in unseren Berufen und unserem Handeln – die Wächterinnen und Wächter der Grenzen sind, der Grenzen, jenseits deren die Unmenschlichkeit beginnt, die uns alle, nicht nur jüdische Menschen, verschlingen kann. Lassen Sie uns im Alltag, an unseren Arbeitsplätzen, in den Begegnungen mit Bekannten und Nachbarn, in den Vereinen und unserer Freizeit zeigen, dass wir diese Grenzen verteidigen, lassen Sie uns zu Wort melden und wo es geschieht, offen an die Seite der Bedrohten treten mit Argumenten und notfalls mit den Mitteln des Rechtsstaats. Nur so werden wir unseren Kindern und Enkeln und weiteren Nachfahren ein liebenswertes und friedfertiges und freies Leben in Deutschland sichern. Nur so werden wir weitere Nächte finsterer Feuer verhindern. Lassen Sie uns erinnern an die Vergangenheit, damit der erste und fundamentale wunderbare Satz des Grundgesetzes Gegenwart und Zukunft bleibt: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

 

 

 

 

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