• image
  • image
  • image
  • image
  • image
  • image
  • image

Die religiöse Ausrichtung der Gemeinde

Die Gründerväter betrachteten die Gemeinde von Anbeginn vom religiösen Standpunkt aus als Einheitsgemeinde; d.h. dass Ritus und religiöse Gepflogenheiten sowohl der gemäßigten liberalen Reform-Tradition der saarländischen Mitglieder als auch den gemäßigt orthodoxen Mitgliedern, die aus Osteuropa stammten, Rechnung tragen sollten. Dieser Kompromiss war auch ziemlich leicht zu bewerkstelligen, da sich in puncto Frömmigkeitsgrad saarländische und osteuropäische Mitglieder der Nachkriegsgemeinde kaum unterschieden. Während der ersten zwei Jahrzehnte ihrer Existenz überwog in der Synagogengemeinde Saar eine locker-traditionelle Pflege der Religion, wenngleich dabei immer auf eine würdige Gestaltung der Gottesdienste größten Wert gelegt wurde.
Eindeutige Indizien für die zwar nie ausdrücklich thematisierte, von der Vorkriegszeit stillschweigend übernommene gemäßigte Reformorientierung der Saarbrücker Gemeinde in ihren Anfangsjahren sind, neben der Platzierung der Bima und dem Einbau einer Orgel (die Saarbrücker Vorkriegssynagoge hatte bereits ein Harmonium), der seit Gründung der Gemeinde bestehende Konsens, keine Birkat hakohanim-Zeremonie (Priestersegen) durchzuführen, obwohl zeitweise zahlreiche Kohanim dafür in Saarbrücken zur Verfügung gestanden hätten und schließlich die Tatsache, dass über Jahrzehnte Frauen nicht nur auf der Empore, sondern auch in dem rechten Bänkeblock des Erdgeschosses, ohne Sichtschutz und auf gleicher Ebene mit den männlichen Betern, Platz nehmen konnten.

Eine Mikwe war von den Gründungsvätern für das neue Gemeindehaus nicht vorgesehen. Eine solche war auch in der Saarbrücker Vorkriegsgemeinde zunächst nicht vorhanden, bis sie von observanten ostjüdischen Gemeindemitgliedern verlangt wurde. Da eine Mikwe in der neuen Synagogengemeinde dennoch hin und wieder benötigt wurde (z.B. zum kaschern von Geschirr, bei Aufnahmen ins Judentum, vor Hochzeiten usw.), fand man, mittels jährlicher Beteiligung an den Unterhaltskosten, ein Arrangement zur gelegentlichen Mitbenutzung der Mikwe der französischen Nachbargemeinde Saargemünd. Da die Saargemünder Mikwe in den letzten Jahren nicht mehr in Betrieb ist, verbleiben für Saarbrücker Gemeindemitglieder noch die Ritualbäder in Metz, Frankfurt oder Straßburg als mögliche Anlaufstellen.

Eine Art Test bezüglich der eventuellen künftigen Akzeptanz des programmatischen Entwurfs des Reformjudentums in Saarbrücken wurde im Frühjahr 1967 stillschweigend den Mitgliedern von der damaligen Gemeindeleitung, Vorstandsvorsitzender war Louis Salomon, vorgeschlagen: Der charismatische, deutschstämmige Gründer der ersten jüdischen Reformgemeinde in Jerusalem, Schalom Ben-Chorin, wurde zu einem Vortrag mit anschließender Diskussion am Abend des 11. März 1967 in den Gemeindesaal eingeladen. Sein Thema lautete „Reform in Israel. Ein Beitrag zur religiösen Diskussion in Israel und der Diaspora“.

Der Vortragsabend blieb ohne Folgen für die weitere religiöse Ausrichtung der Gemeinde. Im Gegenteil: Die seitdem aufeinander folgenden Gemeindeleitungen und die von ihnen sukzessive ausgewählten und angestellten Rabbiner und Kantoren haben, was den Ritus und die religiöse Führung des Gemeindehauses anbelangt, über die Jahre einen fast unmerklich, aber kontinuierlich fortschreitenden sanften Wandel von dem anfänglichen wenig kohärenten und eher oberflächlichen Sympathisieren mit dem Gottesdienst des Reformjudentums hin zu einer konservativeren, an der Orthodoxie orientierten religiösen Praxis bewirkt.

Diese Entwicklung wurde zwar von den Gemeindemitgliedern für ihre individuelle Religionsausübung nicht immer vollständig und synchron übernommen, für die gemeinschaftliche öffentliche Religionspraxis in Synagoge und Gemeindehaus jedoch ohne Einschränkung einhellig akzeptiert.

Auf Vorschlag von Kantoren und Rabbinern, die meist der osteuropäischen Tradition anhingen, wurden nach und nach Gebete eingeführt, die zuvor in Saarbrücken nicht gesprochen worden waren. Auch viele für Saarbrücken neue israelische oder östliche Melodien wurden, insbesondere für die Freitagabendliturgie und für Gebete der Feiertagsgottesdienste, eingeführt und ergänzten das bisherige Repertoire der hiesigen synagogalen Musik, die sich zuvor ausschliesslich auf Kompositionen von Sulzer, Lewandowski und Naumbourg stützte.
Seit den 1960er Jahren wird jährlich ein zweiter Kantor für die Gestaltung der Festgottesdienste an den Hohen Feiertagen, Rosch Haschana und Jom Kippur, eingestellt.
Seit 1964 wird an Pessach jährlich ein Gemeindeseder für die Mitglieder angeboten, wie es seit dieser Zeit in fast allen Gemeinden der Welt üblich geworden ist. Dies ermöglicht Alleinstehenden und solchen, die selbst nicht in der Lage sind, einen Familienseder auszurichten, die Mitzwa, das entsprechende religiöse Gebot auszuführen.

Im Jahr 1964 fand die erste Bat-Mitzwa-Feier in Saarbrücken statt. Seitdem gibt es sie jährlich, sofern es Mädchen im betreffenden Alter gibt, meist als kollektive Feier im Rahmen des Schawuot-Gottesdienstes.

Bis 1988 fanden die Gottesdienste am Schabbat und an Feiertagen mit Orgelbegleitung statt. Seit 1955 schwieg die Orgel am Jom Kippur-Tag, jedoch wurde sie noch am Vorabend für das Kol Nidrei -Gebet gespielt. Dies war eine Kompromisslösung nach einer diesbezüglichen vor den Herbstfeiertagen eingereichten Eingabe ostjüdischer Mitglieder an Vorstand und Repräsentanz, die in den Folgejahren beibehalten wurde.
Der langjährige Organist, Joachim Krause, war nicht-jüdisch. Nach seinem Ausscheiden im Alter von 84 Jahren im Frühjahr 1988 behalf man sich vorübergehend mit wechselnden Kirchenorganisten, die in der Synagoge nur sporadisch aushalfen. Da man nach dem Weggang von Kantor Ariel Rotschild Ende 1988 keinen orthodoxen Kantor mehr gefunden hat, der bereit gewesen wäre, mit der Orgel zu amtieren, (einen konsequent liberalen Kantor wollte man definitiv nicht), wurde beschlossen, künftig auf sie zu verzichten. Die Orgel wird seither nicht mehr im Saarbrücker Synagogengottesdienst gespielt mit Ausnahme der Abendgottesdienste während des Chanukkafestes zur Begleitung des Hymnus „Maos zur“, beim jährlichen Gedenkgottesdienst zum 9. November 1938 und außerhalb von Gottesdiensten bei Hochzeiten und Konzerten.
Vorbild und Alibi für den einstigen Saarbrücker Entwurf eines der Liturgie nach orthodoxen Gottesdienstes jedoch mit Orgelbegleitung war die Pariser „Synagogue de la Victoire“, der Sitz des orthodoxen Oberrabbinats Frankreichs. Aber auch dort ertönt inzwischen, ebenfalls bedingt durch eine Hinwendung zur Orthodoxie, die Orgel schon lange nicht mehr bei Gottesdiensten.

Bis Ende Juli 1998 saßen beim Gottesdienst im Erdgeschoß unserer Synagoge die Männer links, die Frauen rechts (u. teilweise zusätzlich natürlich auch auf der dafür vorgesehenen Frauenempore).
Da es keine Mechiza, keinen traditionellen Sichtschutz, gab, um die beiden Geschlechtergruppen zu trennen, waren während der Gottesdienste Blicke hinüber und herüber möglich, wovon auch gelegentlich Gebrauch gemacht wurde. Auch wurde der laute Gesang einiger wohlklingender Damenstimmen nicht nur toleriert, sondern zuweilen gar mit Komplimenten bedacht. Beides wäre in einem strikt orthodoxen Gottesdienst undenkbar gewesen.

Als im Sommer 1998 Rabbiner Chaim Levit bewusst und absichtlich als orthodoxer Rabbiner eingestellt worden war, stellte er zur Bedingung, dass Frauen fortan ausschließlich auf der Empore Platz nehmen sollten. Diese Änderung, die der weltweit üblichen orthodoxen Norm entspricht, wurde auch nach dem Weggang von Rabbiner Levit in unserer Synagoge bis heute beibehalten.

Auch bezüglich der Bewirtungen mit Speisen und Getränken im Gemeindehaus wird inzwischen in jeder Hinsicht auf eine absolut strikte und konsequente Einhaltung der Kaschrut, der jüdischen Speisevorschriften, geachtet. Alles, was im Gemeindehaus angeboten wird, ist entweder unter Aufsicht in der Gemeindeküche hergestellt oder, mit Koscherzertifikaten versehen, bei jüdischen Lieferanten eingekauft.

Seit den ersten Jahren der Gemeinde wurde immer wieder angeregt, dass eine nicht-jüdische Saarbrücker Metzgerei auch koscheres Fleisch anbietet. Die wiederholten Versuche waren jedoch stets nur von kurzer Dauer, weil, mangels Interesse seitens der Kundschaft, die Rentabilität ausblieb. Inzwischen hat sich die Situation zum Besseren geändert. Um den Gemeindemitgliedern den Weg zu den nächstgelegenen Geschäften mit koscherem Warenangebot in Frankfurt, Metz oder Straßburg zu ersparen, wurde im Frühjahr 2013 im Gemeindehaus ein kleiner Koscher-Laden eingerichtet, in welchem tiefgekühltes koscheres Fleisch, koscherer Wein und zahlreiche andere Produkte angeboten werden, die unter zertifizierter rabbinischer Aufsicht hergestellt wurden.

Der jüdische Religionsunterricht für die schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen der Gemeinde wurde bis 2000 im Gemeindehaus als außerschulischer Unterricht vom jeweiligen Kantor erteilt. Um die nachlassende Frequentierung des Religionsunterrichtes durch einen zusätzlichen Anreiz zu optimieren, wurde im Jahr 2000 von der Gemeindeleitung beim saarländischen Kultusministerium seine staatliche Anerkennung beantragt. Seitdem wird die im jüdischen Religionsunterricht erhaltene Note ins Zeugnis aufgenommen und zählt für den Notendurchschnitt.

Die Saarbrücker Synagoge ist von Anfang an im Erdgeschoss mit einem Waschbecken für rituelles Händewaschen vor dem Betreten der Synagoge ausgestattet. Da aber das sich wöchentlich an die Schabbatgottesdienste anschließende gesellige Beisammensein mit kleiner Bewirtung und Segen über Brot und Wein (Kiddusch) sowie dem Birkat hamason, dem Nach-Tisch-Gebet, in der Regel im Gemeindesaal des zweiten Obergeschosses stattfindet und dort außer an den Toilettenwaschbecken keine Gelegenheit zum rituellen Händewaschen vor dem Segensspruch über Brot bestand, wurde 2010 eine würdigere Lösung durch die Anschaffung eines ansprechend gestalteten Naturstein-Waschbeckens, das im Korridorbereich außerhalb der Toiletten vor dem Gemeindesaal seinen Platz fand, geschaffen.

Im Jahr 2012 trat die Gemeinde auf Vorschlag des Vorsitzenden, Richard Bermann, dem 2011 gegründeten „Bund traditioneller Juden“ bei, der sich die Förderung des traditionellen Judentums in Deutschland zum Ziel gesetzt hat.

Seit 2013 wird die Chanukkia in der Synagoge mit flüssigem Brennstoff gespeist, statt wie bisher mit Kerzen bestückt. Beide Möglichkeiten waren von Anfang an alternativ von der Goldschmiedin Alice Bloch vorgesehen.

Übersicht