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Ansprache des Vorstandsvorsitzenden der Synagogengemeinde Saar, Richard Bermann anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus am 27.Januar 2017 im Saarländischen Landtag

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident, sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schülerinnen, liebe Schüler,


wenn heute in Auschwitz, im Deutschen Bundestag, in Israel und in den Landtagen der einzelnen Bundesländer der Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird, ist das der Versuch, dem Unfassbaren eine Fassung zu geben, eine Form, einen Ritus. Leider lehnen manche das als zivilreligiöses Getue ab. Aber wir dürfen dem kein Gehör geben. Auschwitz ist eine Mahnung, was Menschen anderen Menschen antun können. Auschwitz ist eine grausame Zäsur in der Geschichte der Menschheit. Auschwitz steht für den von Deutschland begangenen Zivilisationsbruch. Dies verleiht dem Tag, an dem sich die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau zum 72. Mal jährt, seine ganz besondere Bedeutung.
Erinnert sei daran, dass der damalige Bundespräsident Roman Herzog, der kürzlich im Alter von 82 Jahren verstorben ist, vor 27 Jahren den Holocaust-Gedenktag eingeführt hat. Inzwischen wurde der 27. Januar auch von den Vereinten Nationen zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt. Ein funktionierendes Gemeinwesen braucht solche Zeiten und Orte der kollektiven Erinnerung. Solche Rituale formen auch die Politik: Zum Glück steht in Deutschland die Leugnung des Holocausts unter Strafe, gehört es zum Grundkonsens, dass es nie wieder Vernichtungslager geben dürfe. Man kann nicht fassen, was damals geschah. Die Historiker haben die Zahl der Toten geschätzt; die Justiz hat viel zu spät die Täter zur Verantwortung zu ziehen versucht. Warum gab es Menschen, die ihre Intelligenz, ihren Sachverstand, ihre Verwaltungserfahrung nutzten, um Millionen Menschen in den Tod zu schicken? Warum die Brutalität der Wächter, die in aller Seelenruhe Menschen erschlugen, die Empfindungslosigkeit der Ärzte mit ihren Menschenversuchen? Und warum haben so viele mitgemacht, gewusst, - geahnt, - geschwiegen?

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Es ist nicht zu fassen, welches Leid Millionen Menschen in Auschwitz und den anderen Vernichtungslagern angetan wurde. Wer Überlebende trifft, spürt den Abgrund, der sie von den anderen Menschen trennt und über den kein Steg führt. Wenn sie erzählen, steht man da und schaut ins Dunkel.


"Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz", hat Bundespräsident Joachim Gauck gesagt. Das stimmt, wenn man den Satz so interpretiert: Es gibt keinen Stolz auf dieses Land mit seinem Rechtsstaat und seiner Demokratie, ohne den Blick in den Abgrund. Es gibt keinen Spaß an dieser bunt gewordenen Republik ohne die Empfindlichkeit dafür, wann, wo und wie die Menschenfeindlichkeit wächst. An Auschwitz muss jegliche Selbstsicherheit scheitern. Auch deshalb darf es keinen Schlussstrich geben. Denn dann träte an die Stelle des kollektiven Gedenkens das kollektive Verdrängen: Ein Land würde sich dann vielleicht als besonders identitätsstark begreifen, doch es würde Schaden an der Seele nehmen.
In drei Jahren, zum 75. Jahrestag, werden die meisten nicht mehr leben, die Auschwitz überlebten. Doch auch dann wird das Vergangene nicht vergangen sein. Aber wir dürfen unseren Blick nicht nur in die Vergangenheit richten. Die Probleme der Gegenwart stellen uns vor große historische Herausforderungen. Zumal wir zu deutlich Tendenzen spüren, die wir nicht hinnehmen dürfen. In ganz Europa drohen die alten Dämonen zu erwachen- auch in Deutschland.

Als ich gebeten wurde, heute aus Anlass des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, zu Ihnen zu sprechen, war mir klar, ich muss etwas zu dem sagen, was dem heutigen Anlass gerecht wird, aber ich muss und will auch etwas zu Gegenwart und Zukunft sagen. Deshalb wird meine Ansprache in Teilen auch politisch sein.
„Wir sind das Volk“. – Mit diesem Satz rissen mutige Bürger 1989 die Mauer nieder. Unterstützt von Partnern in USA, Russland und Europa gelang dem Volk und den damaligen Entscheidungsträgern das, was kurz zuvor nur Wenige zu träumen wagten.


– Wo, wenn nicht hier, - dürfen, ja müssen wir uns diesen historischen Segen auch und gerade heute bewusstmachen?! „Wir sind das Volk.“ – Dieser Satz stürzte eine Diktatur. Wir – Demokraten sind das Volk. Dieses Credo gilt es jetzt – fast 28 Jahre nach der Deutschen Einheit und 72 Jahre nach dem Ende des Holocaust erneut zu beweisen.
Wir müssen es denen entreißen, die es missbrauchen, um Hass und Zwietracht zu schüren!
Wir müssen unser „Wir“ definieren und festigen. Unser Patriotismus muss ein Werte-Patriotismus sein. – Danach verlangt die Situation in unserem Land, in Europa und der Welt mit täglich wachsenden Problemen, auf die es bislang keine überzeugenden Antworten gibt. Die Welt ist aus den Fugen. – Wer ahnte, dass wir Anfang des 21. Jahrhunderts von derart gravierenden globalen Krisen umzingelt sind?


• dass die alten Fronten zwischen Ost und West wieder spürbar würden?
• dass weite Teile der Welt, fast der ganze arabische Raum, wüst erodieren und sich etliche neue, unscharfe Fronten ergeben?
• dass mit dem selbsternannten „Islamischen Staat“ ein inhumaner Un-Staat Millionen von Menschen mit grausamsten Gräueln überzieht?!
• dass diese und andere Terror-Milizen auch unseren Alltag ereilen, als reale Gefahr für uns alle – jederzeit?
• dass Hass auf Juden mitten in Europa erneut zur existenziellen Bedrohung würde?


Dachten wir nicht, die größten Herausforderungen und Krisen unserer Zeit bewältigt zu haben?
Der Blick auf die Realität macht sprachlos, ratlos. – Beides können wir uns nicht erlauben!
Nicht in der Politik, nicht in der Zivilgesellschaft, nicht in Deutschland, schon gar nicht heute.
Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Der Welt offenbarte sich bis dato ungeahntes Grauen. Auschwitz wurde zum Symbol für den Holocaust, für menschenverachtende Grausamkeit, für staatlichen, industriell verübter Völkermord.

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Am internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern wir an alle Opfer dieser verbrecherischen Ideologie.

Wir gedenken der Juden, der Sinti und Roma, der anderen verfolgten Minderheiten, der Zwangsarbeiter, der Kriegsgefangenen, der Opfer staatlicher Euthanasie, der ermordeten

Homosexuellen und all derer, die die nationalsozialistische Ideologie zu Feinden erklärt und verfolgt hatte.

-- Wir gedenken der Menschen, die sich dem Terror-Regime widersetzten und der totalitären Staatsgewalt zum Opfer fielen.
- Wir gedenken aller Menschen, die unter dem nationalsozialistischen Joch um ihre materielle, seelische und physische Existenz gebracht wurden.

– Wir gedenken Millionen und Abermillionen Toten.

Am Ende des von Deutschland entfesselten Vernichtungskrieges und des Rassenwahns lag fast ganz Europa in Schutt und Asche. Deutschland war ein in jeder Hinsicht zertrümmertes Land – militärisch, politisch, ökonomisch und moralisch.
Der Bundesrepublik ist es gelungen, auf diesen Trümmern eine tragfähige, stabile freiheitliche Demokratie zu errichten, die ihresgleichen sucht. Darauf dürfen wir stolz sein – auch heute.

Dennoch, vergessen wir nie! – Der Holocaust an den europäischen Juden mit sechs Millionen Opfern ist bis heute unvergleichbar in der Geschichte der Menschheit – präzedenzlos, singulär.
In deutschem Namen ist etwas in jeder Hinsicht Ungeheuerliches geschehen. Die Auseinandersetzung mit der Shoa überfordert den menschlichen Verstand. Gerade deswegen dürfen wir nicht aufhören, diese, unsere Geschichte aufzuarbeiten. Und zwar nicht nur am 27. Januar – Denn nicht das Vergessen, die Erinnerung schützt uns vor Wiederholung.

Was die Vergangenheit angeht, so ist die heutige Generation frei von Schuld – aber sie trägt Verantwortung, für heute und morgen. Und deswegen ist es auch so wichtig junge Menschen in das Gedenken mit einzubinden. Insofern bin ich sehr froh darüber, dass Schülerinnen und Schüler der Stufe 11 des Gymnasiums Wendalinum, St. Wendel dem heutigen Gedenken beiwohnen und sich mit einem eigenen Projekt beteiligen.
Der bekannte amerikanische Literatur- Nobel-Preisträger William Faulkner schrieb in einem seiner Romane: „Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen.“ Sind wir nicht eben aus diesem Grund gegenwärtig so fassungslos, sprachlos, ratlos?!
Dachte man nicht, nach Auschwitz – würde es nie wieder Krieg, Rassismus, Hass oder Antisemitismus geben?! – Wie haben wir uns getäuscht!

Seien wir gewarnt. Niemals dürfen wir uns zurücklehnen! Die Lethargie und Leichtfertigkeit, die sich eingeschlichen haben, die Selbstverständlichkeit, mit der wir bisweilen Freiheit, Demokratie, nationale und europäische Einheit als gegeben erachten – können wir uns nicht leisten. Zu viel steht auf dem Spiel. Jetzt ist die Stunde, die dämonischen Kräfte zu bekämpfen, unsere politische Kultur zu bewahren, den Kampf um Demokratie und Freiheit zu führen und die europäische Idee zu retten.

60 Millionen Menschen, mehr denn je, sind weltweit auf der Flucht. Die Krisenherde lassen sich kaum aufzählen. Zu lange haben auch wir uns in unentschuldbarer Weise aus der Verantwortung geschlichen. Dabei wollte Deutschland früher und entschiedener zur Stelle sein, wenn Freiheit, Demokratie und Menschenrechte irgendwo auf der Welt bedroht sind. Stattdessen wurde in Europa Nabelschau betrieben. Man hat geschehen lassen, was kein Politiker, kein Mensch mit Herz und Verstand hätte akzeptieren dürfen. Nun müssen - Hals über Kopf - Lösungen für Krisen ersonnen werden, die sich durch Verschleppung potenziert haben. – Andere Probleme wurden ausgeblendet und beschwichtigt: Nicht erst seit letztem Jahr ist bekannt, dass wir es mit Zuwanderung aus Ländern, Systemen und Kulturen zu tun haben, deren Prinzipien im krassen Widerspruch zu den unseren stehen. Ein Großteil der Flüchtlinge hat Demokratie nie erfahren und leben können, wurde freiheitsfeindlich sozialisiert. Unser christlich-jüdisches Menschenbild gebietet es, Voreingenommenheit zu zähmen und jenen zu helfen, die wegen Not, Krieg und Verfolgung ihre Heimat aufgeben mussten. 

Nicht zuletzt eingedenk der im Juli 1938 gescheiterten Evian-Konferenz und des herzlosen Agierens vieler Staaten gegenüber den Juden, deren Abweisung meist den Tod bedeutete. Ich weiß nicht so genau, wie viele Menschen hätten gerettet werden können. – Aber ich weiß, dass sehr viele Menschen hätten überleben können, wären sie nicht an den Grenzen vieler Länder abgewiesen worden.

Heute wachsen in der Bevölkerung Unsicherheit und Angst vor Überforderung. Das Vertrauen in Politik und Sicherheitsapparat schwindet. Ob zu Recht oder zu Unrecht: Ein ungesundes Unbehagen macht sich breit. – Glaubhaft und eindrucksvoll muss der Staat jetzt sein Gewaltmonopol und seine Handlungsfähigkeit beweisen. Unübersichtlichkeit schürt Misstrauen in den Staat und spült rechtspopulistische Parteien in die Parlamente.
Zudem brauchen wir natürlich endlich die europäische Lösung. Wenn die EU diese Krise nicht gemeinsam bewältigt, ist die europäische Idee in Gefahr und mithin das große Friedens- und Freiheitsprojekt unseres Kontinents – der epochale Auftrag im Geiste des 27. Januars 1945.

Dasselbe gilt für den Kampf gegen den islamistischen Terror, der nie nur ein bestimmtes Ziel angreift. Die Opfer sind Stellvertreter. Der Feind der Terroristen sind die Freiheit, wir, der Westen, unsere Lebensweise, unsere Kultur, unsere Werte, unsere Liberalität.

Wir brauchen schnell eine systematische, stabile Integrations-Infrastruktur, die unseren humanitären Ansprüchen gerecht wird und nicht zu Lasten hiesiger Hilfsbedürftiger geht.
Ich kann mit dem Begriff „Willkommenskultur“ nicht viel anfangen. Bei Integration geht es nüchtern um Fördern und Fordern, um Rechte und Pflichten, um Verantwortung füreinander und Respekt voreinander. Es geht um die Eingliederung in unsere Gesellschaft, unser Schul- und Bildungssystem, unseren Arbeitsmarkt – unser Leben, unser Denken, unsere Werte. – Es geht darum, buchstäblich dieselbe Sprache zu sprechen.
Nur wer stolz auf seine Heimat ist, auf seine Identität, wer sich leidenschaftlich und kämpferisch zu unserer Demokratie bekennt, hat die Stärke und den Mut, für ihre Werte einzustehen.

Auch mit dem Begriff „Leitkultur“ kann ich nicht viel anfangen. Erschwert er doch die überfällige Debatte. Jetzt gilt es, den historischen Moment zu nutzen, da unter den demokratischen Parteien Konsens herrscht, dass wir die jetzigen Herausforderungen nur stemmen können, wenn wir nach innen und außen klarstellen, welche Werte für uns indisponibel sind. – Wir müssen unsere Prinzipien verteidigen und aufhören, uns dafür zu entschuldigen und wir müssen aufhören, offensichtliche Probleme zu beschwichtigen.

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Ich erwarte von allen Demokraten, den aufgeklärten Patriotismus endlich mit Verve zu vertreten.
– Das bedeutet aber auch, unbequeme Wahrheiten zu benennen. Es darf nicht sein, dass untadelige Bürger glauben, ihre Sorgen nicht äußern zu können, ohne im politischen Diskurs disqualifiziert zu werden. Wenn dieses Gefühl um sich greift, werden wir erleben, wie Rechtspopulisten und -Rechtsextremisten weiter Rückenwind erhalten.
Lassen Sie uns das „Wir“ definieren – Regeln, die jeder einhalten muss, der „Wir“ sein will.
Sie finden sich zunächst im Grundgesetz. Dem Kern: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ folgt ein umfassender Katalog. Dazu zählen körperliche Unversehrtheit, Religionsfreiheit, Gleichberechtigung, sexuelle Selbstbestimmung – Leben und leben lassen.

Das umfasst einen Rechtsstaat ohne Scharia, die Trennung von Staat und Religion und insbesondere die Ächtung jeder Form von Antisemitismus sowie das klare Bekenntnis zum Existenzrecht Israels. – Hinzu kommt: Wer Deutschland als Heimat wählt, muss sich mit dem Holocaust und unseren Lehren aus diesem Menschheitsverbrechen befassen.

Es gehört zu den unschönen Wahrheiten, dass Antisemitismus in vielen Heimatländern der Geflüchteten selbstverständlich ist. Der Hass gegen Israel und Juden ist vielfach Staatsräson.

An dieser Stelle komme ich nicht umhin festzustellen, dass der Antisemitismus nicht erst nach Deutschland importiert werden muss: Im Sommer 2014 haben wir in erschreckender Weise erlebt, wie der Gaza-Konflikt missbraucht wurde, um offen Judenhass zu skandieren. Wir Juden wurden wieder ausgegrenzt und angefeindet. Die treibenden Kräfte waren Muslime – wenn überhaupt, nur halbherzig kritisiert von ihren scheinheiligen Verbänden.
Unter hier lebenden Muslimen wütet also bereits Hass auf Juden, der in Hinterhofmoscheen und im Internet gefördert wird. Generell gilt: Die Radikalisierung unter muslimischen Jugendlichen muss intensiver eingedämmt werden. Und wir brauchen eine effektive Strategie zur Neutralisierung vorhandener Gefährder. – Wer den Rechtsstaat abschaffen und einen Gottesstaat etablieren möchte, hat hier nichts verloren. Und auch Regimen, die eine Bespitzelungspolitik in unserem Land praktizieren wollen, muss energisch Einhalt geboten werden.

Es wächst die Kluft zwischen politischem Willen und Räson und unüberhörbaren Einstellungen und Stimmungen in der Bevölkerung. Judenfeindlichkeit ist mitnichten nur ein Problem unter Muslimen. Antisemitismus ist salonfähig.
Er war nie weg. Heute spukt er wieder entfesselt in den Köpfen zu vieler Menschen – weit mehr als erhofft. Antisemitismus wuchert an den schmutzigen Rändern rechts und links.

Aber er keimt auch in der breiten bürgerlichen Mitte auf. Zumal in Gestalt einer irrationalen, einseitigen und mit zweierlei Maß messenden, obsessiv-überzogenen Kritik an Israel. Längst ist die weitgehende Tabuisierung antisemitischer Ressentiments einer gewissen Gewöhnung an alltägliche judenfeindliche Tiraden und Praktiken gewichen.
„Jude“ ist wieder ein Schimpfwort. Antijüdische Schmierereien und Schändungen, Zuschriften und Anrufe sind Alltag in Deutschland. Im Internet kennt der Hass schon keine Grenzen und keinen Hemmungen mehr. Dümmste und perfideste Äußerungen verbreiten sich im Netz und in den Köpfen. – Eine Herausforderung für die Demokratie und den Rechtsstaat, der die Bekämpfung der digitalen Exzesse nicht den Plattformbetreibern überlassen darf.

Auch im öffentlichen Raum werden jüdische Menschen immer öfter ungeniert angefeindet. In ganz Europa häufen sich die verbalen und tätlichen Angriffe, bis hin zu Terroranschlägen wie in Brüssel, Toulouse, Paris, Kopenhagen oder zuletzt in Berlin.

Die jüdische Gemeinschaft blickt mit Sorge in die Zukunft – da Antisemiten immer lauter und aggressiver werden. 72 Jahre nach dem 27. Januar 1945 kann jüdisches Leben oft nur unter Polizeischutz stattfinden. - Sieben Jahrzehnte nach der Shoa werden auch in Europa wieder Menschen ermordet, weil sie Juden sind. – Ein Armutszeugnis, vor dem wir die Augen nicht verschließen dürfen.

Wer mit uns leben möchte – ein Teil von „Wir“ sein möchte – muss sich zu unseren Werten bekennen. Äußerungen oder Handlungen, die dem zuwiderlaufen, sind unverzüglich zu ahnden.
Falsch verstandene Toleranz, irrläufige Multi-Kulti-Pseudo-Integration, führt zu Parallelkulturen. Ein „weiter so“ wäre verheerend. – Siehe Paris, wo Sozialarbeiter und Polizei ganze Stadtteile mit muslimischer Mehrheit aufgegeben haben – die Demontage des Gemeinwesens.
Für uns Demokraten bedeutet das: Wir müssen Vorbilder sein und unsere Werte und Konventionen vorleben. Wir dürfen den Patriotismus nicht den Falschen überlassen. Politik und Gesellschaft müssen ein „Wir“-Gefühl formen, das uns stark macht –das uns Kraft gibt– das uns eint – nicht spaltet.

Der Werte-Patriotismus, den ich fordere, ist das Gegengift zu den hasserfüllten, fremdenfeindlichen, rassistischen und antisemitischen Parolen der Rechtspopulisten und -extremisten. Schon vertrauen immer mehr Menschen dubiosen Quellen oder gar neonazistischen Kanälen, die bewusst Fehlinformationen streuen – eine Saat des Hasses. Pegida, Saargida und Co. sind keine Patrioten. Sie sind Scharfmacher. Brandstifter, die an Flammen zündeln, welche noch in den Zwischenräumen unseres Gemeinwesens schwelen.

Das betrifft auch Teile der AfD. Diese Partei bringt zu viele Gestalten und Thesen hervor, die nicht nur Geschmackssache sind, sondern radikal rechts, nationalistisch – und somit: gefährlich. Gerade erst belegte der AfD-Fraktionsvorsitzende im Thüringer Landtag, mit einer unsäglichen Rede in Dresden, wie völkisch national und antisemitisch diese Partei ist. Diese Partei singt im Chor mit Pegida und Co., die offen rechtsradikal und antisemitisch sind. Vielfach unterwandert und gesteuert von Neonazis. Und ständig kommen neue Gruppierungen wie die Identitäre Bewegung oder die Reichsbürgerbewegung hinzu. Ständig neuer Rekord rechter Gewalt in Deutschland ist die Folge. Im letzten Jahr sind die durch Rechtsextremisten motivierten Gewalttaten um 79,6 Prozent gestiegen.
Nun rächt sich, dass „Wehret den Anfängen“ über Jahre nur eine blutleere Phrase war. Zu lange wurde der Rechtsextremismus nicht mit der erforderlichen Härte und Schärfe verfolgt.

Dabei ist Deutschland in besondere Weise verpflichtet, solchen Tendenzen mit aller Härte entgegenzuwirken.
In diesem Jahr werden in Deutschland und Frankreich entscheidende Weichen für die Zukunft gestellt. Ich weiß nicht, wie diese Zukunft aussieht. – Aber ich habe an diesem 27. Januar 2017 einen Wusch: dass unser Land nicht sein Gesicht verlieren darf. Unser Land muss sich treu bleiben. – Nur ein stolzes, werte-patriotisches, freiheitlich-demokratisches Deutschland kann es schaffen. Wir müssen jenen Überzeugungen Rechnung tragen, zu denen wir uns im Grundgesetz verpflichtet haben – und zwar vor dem Hintergrund unserer Geschichte; im Bewusstsein der Verantwortung vor G“tt und den Menschen; beseelt von dem Willen, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen. – Wie es in der Präambel unseres Grundgesetzes steht.

Machen wir uns bewusst: Nichts ist von Dauer – schon gar nicht Demokratie und Freiheit. Sie wirken stabil, aber das kann sich ändern – schnell, sehr schnell. Die Älteren unter uns haben es erlebt. Ausgrenzung, Diffamierung, Entrechtung, Verfolgung, Angst, Trauer und Schmerz haben sich unauslöschlich in die Seele vieler Überlebender eingebrannt. Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland lebt auf einem Acker gerodeter Stammbäume.
– So gelten die letzten Minuten meiner Ausführungen der Erinnerung an eine Zeit, wo im Süden Frankreichs zwei Frauen sich mit Ihren Babys vor den Nazis versteckt hielten.

Es ist das Jahr 1942. Das eine Baby ist 1 ½ Jahre, das andere knapp 3 Wochen alt. Beide Mütter werden mitsamt ihren Kindern verhaftet. Die eine Mutter wird mit ihrem Mann und dem drei Wochen alten Säugling über das Auffanglager Drancy nahe Paris nach Auschwitz deportiert und alle drei werden dort in die Gaskammer geschickt. Die andere Mutter wurde mit ihrem Baby ebenfalls verhaftet und in das Internierungslager Gurs am Fuße der Pyrenäen gebracht, wo sie mit dem Kind in Schlamm und Morast und bei Tagesrationen von ca. 500 Kalorien drei Monate verbrachten. Im Lager starben viele Menschen an Hunger und Krankheiten.

Nach drei Monaten wurde ein Transport zusammengestellt und die Frauen mit ihren Kindern in Viehwagons gesteckt und der Zug fuhr ebenfalls Richtung Drancy In der Nacht stoppte der Zug plötzlich abrupt, die Frauen mit ihren Kindern fielen umher und als draußen ein wildes Geschrei begann, hatten beherzte Frauen es schon geschafft, den Riegel der Wagontür zu öffnen und in der Dunkelheit in den nahegelegenen Wald zu flüchten. Dort wurden sie von Männern des französischen Wiederstandes erwartet und in Sicherheit gebracht Die Frau mit dem 1 ½ Jahre alten Baby war auch dabei. Ob Frauen in den anderen Waggons das gleiche Glück hatten, weiß ich nicht.

Die erstgenannte Frau mit ihrem Mann und dem 3 Wochen alten Säugling waren meine Tante, mein Onkel, ein Bruder meines Vaters und deren gerade geborenes Kind.

Die andere Frau war meine Mutter und das Kind war ich. Wir haben durch einen glücklichen Umstand überlebt. 27 weitere Familienmitglieder, Großeltern, Onkel, Tanten und Cousins hatten nicht das Glück und wurden in den Vernichtungslagern von Auschwitz und Sobibor ermordet.

Zum Schluss appelliere ich an Politik und Gesellschaft – vor allem an die jungen Menschen: Lassen Sie uns unsere Heimat beschützen und lassen sie sich nicht vom Hass und den falschen Versprechungen der Ewiggestrigen irreführen!
Unsere Geschichte hat ein unkündbares Vermächtnis hinterlassen: Seid wachsam! Das schulden wir den Millionen und abermillionen Toten. – Wir müssen alles dafür tun, neue unschuldige Opfer zu verhindern. Übernehmen Sie Verantwortung für die Zukunft! Nutzen Sie die Chance, die so vielen Menschen im letzten Jahrhundert geraubt wurde!

Vergessen wir nie das Trümmerfeld, zu dem eine Staats- und Gesellschaftsordnung voller Hass, ohne Verantwortung, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen geführt hat!


Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.